Biografie

Leben

In Bosnien-Herzegowina geboren und aufgewachsen, wurde Goran Stevanović schon als Kind mit dem Akkordeon vertraut gemacht. Das Instrument ist essentieller Teil der “Sevdah”, der traditionellen, eklektischen Musik des multikulturellen Landes. Seine Beziehung zum Akkordeon, das häufig auch als „atmendes Instrument“ bezeichnet wird, intensivierte sich mit Ausbruch des bosnischen Bürgerkriegs. In dieser schwierigen Zeit wurde das Instrument in seiner ganzen Bandbreite zum emotionalen Ausdrucksmittel. Lieder ohne Noten zu lernen, zu spielen und darüber so zu improvisieren, wie die authentischen Spieler des Sevdahs, prägten den jungen Akkordeonisten nachhaltig und ebneten den Berufswunsch „Musiker“.

Lernen

Während seiner Studien bei Prof. Vojin Vasović in Bijeljina, Bosnien-Herzegowina, erarbeitete er sich die wesentlichen Technikgrundlagen des Akkordeonspiels; das Instrument wurde für ihn zunehmend zu einem integralen Körperteil. In dieser Zeit spielte er Konzerte im gesamten Balkan-Raum sowie in Russland und Österreich und nahm u.a. an Meisterkursen von Ivan Koval, Yuri Shishkin, Mika Väyrynen und Inaki Alberdi teil. Im Jahr 2009 wechselte Stevanović an die Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover (HMTMH) und führte sein Studium bei Prof. Elsbeth Moser fort. Darüber hinaus erlangte er durch die Lehre von Prof. Walter Nußbaum zur geschichtlichen Interpretationsanalyse sowie zum Umgang mit zeitgenössischer Musik mehr und mehr ein interpretatorisches Selbstverständnis.

In Berührung mit Improvisation und intuitiver Musik kam er während der Entstehung des „Glasperlenspiel“-Konzerts für Akkordeonorchester und Solo Trompete in Zusammenarbeit mit Markus Stockhausen. Gefördert durch die Gundlach Stiftung, die Oscar und Vera Ritter-Stiftung sowie die LMN Hamburg entwickelte er nach und nach seine eigene, vielfältige und zeitgemäße Sprache für das Akkordeon sowie ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Ästhetik des Instruments.

Stevanović ist mehrfacher Preisträger von nationalen und internationalen Wettbewerben (China, USA, Spanien), u.a gewann er 2012 den Deutschen Akkordeonmusikpreis. Er beendete sein Studium mit dem Konzertexamen, sein Abschlusskonzert wurde in der Reihe „Meisterstück“ an der HMTMH präsentiert.

 

Wichtige Impulse aus dem Bereich der Musikpädagogik erhielt Stevanović während seines Studiums von Prof. Dr. Andrea Welte. Durch die hier gewonnenen aktuellen Einblicke in das gesamte Schul- und Bildungsystem, die klare Übersicht zu Zielgruppen und Unterrichtsformen, die Teilnahme an Kongressen sowie das Entwickeln und Mitwirken an verschiedenen künstlerisch-pädagogischen Projekten (Musikvermittlung, Gruppenunterricht, Inklusion) führten ihn dazu, sein Abschlussprojekt zum Thema: „Das Akkordeon in der Grundschule“ zu konzipieren und durchzuführen. Als Fortsetzung dessen präsentierte Stevanović im Zusammenarbeit mit Musikland Niedersachsen im Rahmen des Akkordeonfestivals „Wurzeln“ das Instrument an mehreren Schulen in der Region Hannover.

Um seine Ausbildung auch hinsichtlich organisatorischer Strukturen und Finanzierungs-möglichkeiten von kulturellen Projekten weiter zu vervollständigen, nahm er an dem Weiterbildungsprogramm „Kulturmanagement – Schlüsselqualifikationen für die kulturelle Praxis“ an der Leibniz Universität Hannover teil. Das hierbei gewonnene Wissen wird im künstlerischen Alltag immer präsenter und eröffnet vielfältige Möglichkeiten der Projektentwicklung und -durchführung.

Lehren und Vermitteln

Im Rahmen seiner Lehrtätigkeit an der HMTMH Hannover (künstlerisch-pädagogische Ausbildung, Projektarbeit) strebt er an, den Studierenden ein reales Bild des Berufs zu vermitteln, dabei immer einen klaren Blick auf den Musikmarkt zu haben, aber gleichzeitig auch die Individualität jedes_r einzelnen zu fördern. Kontinuierliche Arbeit, künstlerische Vielfalt und Reflexion versteht Stevanovic hierbei als Leitfaden seiner pädagogischen Arbeit. Seine Studierenden unterrichten in Gifhorn (KMS) und Berlin (Musikschule Paul Hindemith Neukölln), nehmen an Wettbewerben und ERASMUS Programmen teil.

An der Musikschule der Landeshauptstadt Hannover leitet Stevanović eine Klasse von ca. 40 Schüler_innen unterschiedlichen Alters (6-70 Jahre) in verschiedenen Unterrichtsformen (Instrumentenvorstellung, Einzel-und Gruppenunterricht, Ganztag-Angebote und Kooperationen mit allgemeinbildenden Schulen, Unterricht mit ADHS oder Autismus-Spektrum-Störung). Ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit liegt in der Integration des Akkordeons in das gesamte Schulsystem. Auch das Akquirieren neuer Schüler_innen durch Schulkooperationen sowie Angebote im Ganztagbereich oder Kooperationen mit weiteren Instrumentengruppen sind Felder, in denen er neue Konzepte ausprobiert, um die Vielfalt des Akkordeons abzubilden und neue Zielgruppen zu erschließen.

Er ist regelmäßig Jurymitglied beim Wettbewerb Jugend musiziert.

Als Gastdozent an der SP Universität in Bijeljina / Bosnien-Herzegowina arbeitete er daran, den Blick der Studierenden gerade auch hinsichtlich neuer, innovativer Konzertformate zu weiten und neue Ideen beim Repertoire-Aufbau auszuprobieren, um ein Publikum zu generieren. Die kulturelle Szene Bosniens mit eher veralteten Konzertformaten bzw. Konzertprogrammen ohne Vermittlungsansatz, kaum Ansprache des Publikums, sowie nur wenigen Fördermöglichkeiten sind nur einige der vielschichtigen Probleme, die dazu führen, dass fertig ausgebildete Studierende nach dem Studium wenig bis kaum Konzertmöglichkeiten vorfinden und sehr oft den Beruf wechseln.

 

Stevanović ist Soloakkordeonist in unterschiedlichen Ensembles. Mit seinem Trio, dem trio.s oder mit dem inzwischen überregional bekannten Orchester im Treppenhaus ist er immer auf der Suche nach neuen Vermittlungswegen, stets mit der Idee, unerwartete Konzerterlebnise zu ermöglichen und Schwellen zwischen der Musik und den Rezipient_innen zu überwinden und aufzubrechen. So entwickelte Stevanović gemeinsam mit dem trio.s beispielsweise „melaTONin“- einen musikalisch-räumlichen Schlafzyklus, oder mit dem Orchester im Treppenhaus „Dark Room“ Live-Hörspielkonzerte, „Geheimkonzerte“ oder „Circles“- ein Covid-19-konformes Format. Ein besonderes Anliegen dabei ist ihm die Vermittlung der klanglichen Vielfalt des Akkordeons an ein jüngeres Publikum, immer mit Anbindung an die musikalische und gesellschaftliche Wirklichkeit. Um seinem Wunsch nach der Vermittlung musikalischer Hintergründe an ein breites Publikum nachzukommen, initiierte er zudem die Reihe „Vielharmonie Orange“, bei welcher er auch die künstlerische Leitung inne hat. In bisher über zehn organisierten und von ihm moderierten Gesprächkonzerten legt Stevanović besonderen Wert auf die thematische Vielfalt: von Barock und historischen Instrumenten über Folklore in der klassischen Musik bis zu ungewöhnlich besetzten Ensembles und Jazz.

Klangliche Erweiterungsspielräume

Die Auswahl von Kompositionen für seine Konzerte trifft Stevanović zumeist so, dass sie seine momentane Wahrnehmung und Empfindung reflektieren. Er versteht seine Interpretationen als – mitunter kritische – Kommentare zu seiner Umwelt. Verknüpft mit dem Anspruch, emotionale Diversität auch klanglich treu darzustellen, beschäftigt er sich seit längerer Zeit auch mit den Möglichkeiten der Klangerweiterung am Akkordeon. Durch die spezifische Bauweise und die sehr beschränkte Möglichkeit, die Töne am Instrument zu präparieren, kam Stevanović immer mehr dazu, seine eigene Stimme und deren Möglichkeiten der Klangerzeugung in Verbindung mit dem Akkordeon zu nutzen und hier nach neuen Ausdrucksformen und Erweiterungsmöglichkeiten zu suchen.

Um die Vielfalt unterschiedlicher Musikrichtungen treu zu gestalten, interessiert er sich ebenso für verschiedenste Arten von Akkordeons wie beispielsweise Bandoneon, Accordina oder Qarmon (Garmon). Wichtiger Bestandteil seiner künstlerischen Arbeit ist die direkte Zusammenarbeit mit diversen Komponist_innen. Er brachte Kompositionen von Clemens Gadenstätter, José María Sánchez-Verdú, Feliz Anne Reyes Machais, Aleksandra Vrebalov, Belma Bešlić-Gal, Aleksandar Sedlar, Igor Andrić, Randall Meyers, Harald Weiß und Markus Stockhausen zur Erstaufführung.

Netzwerk

Mit unterschiedlichen Ensembles, aber auch als Solist, war er in den letzten Jahren unter anderem auf dem Brahmsfestival Lübeck, dem Molyvos Festival Lesbos/Griechenland, dem Brucknerfestival Linz, dem Bodensee Festival, bei den Niedersächsischen Musiktagen und dem Orient-Occident-Festival Sierre/Schweiz zu hören. Auch kann er u.a. auf Konzerte mit der NDR Radiophilharmonie, dem Göttinger Symphonie Orchester, dem St.George Hall Residence Orchester Liverpool, dem Hannoverschen Orchester im Treppenhaus, dem Ensemble Mini Berlin und dem Klangforum Heidelberg zurückblicken. Im März 2020 spielte er bei der Musikwoche Hitzacker mit dem Oboisten Albrecht Mayer zusammen im Rahmen des Konzertformates „Albrecht Mayer stellt vor“. Im Jahr 2021 sind u.a. CD Einspielungen und Auftritte beim Beethoven-Festival Bonn, den Schwetzinger Festspielen, dem Mozartfest Würzburg und dem Festival internacional de Musica da Povoa de Varzim in Portugal, geplant.

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